Pressekonferenz 2019

Prof. Dr. Bernd Bertram

Das TSVG setzt bei der Terminvergabe falsche Signale

Das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) wird für die augenärztliche Versorgung in Deutschland nicht die gewünschten Auswirkungen haben: Statt – wie geplant – schnellerer Termine, mehr Sprechstunden und besseren Angeboten für gesetzlich Versicherte wird es nicht mehr Sprechstunden geben und Patienten mit chronischen und schweren Augenkrankheiten werden länger auf ihre Termine warten müssen.
Dass ein Teil der Patientenuntersuchungen in der Grundversorgung demnächst ohne Mengenbegrenzung zu einem festen Betrag bezahlt werden soll und damit alle vom Augenarzt bei diesen erbrachten Leistungen honoriert werden sollen, ist positiv. Aber die Auswahl der Patienten, für die dies gelten soll, setzt die falschen Anreize:
Mindestens fünf Stunden pro Woche sollen Augenärzte als offene Sprechstunde anbieten, für die es keine vorherige Terminvereinbarung gibt. Dafür sollen sie besser honoriert werden. Das ist jedoch ein gravierender Eingriff in die Praxisorganisation. Seit vielen Jahren bieten Augenärzte eine Mischform aus Termin- und offener Sprechstunde an: Wer einen planbaren Untersuchungs- und Behandlungsbedarf hat, erhält einen Termin und kann sicher sein, dass dann die für ihn erforderlichen Mitarbeiter und Geräte zur Verfügung stehen. Patienten mit akuten Problemen werden auch ohne Termin „eingeschoben“.
Zusätzlich zu den schon vorhandenen Sprechstunden können die meisten Augenärzte nicht fünf weitere – offene – Sprechstunden anbieten, denn in der Regel beträgt die Sprechzeit der Praxen bereits mehr als die 25 Stunden pro Woche, zu denen sie dem TSVG zufolge demnächst verpflichtet sind.
Deswegen geht die offene Sprechstunde zu Lasten der Terminsprechstunde. Zugleich werden in der offenen Sprechstunde den Patienten oft nicht die Mitarbeiter und Geräte zur Verfügung stehen, die benötigt werden, so dass der Patient dann nicht oder nur teilweise untersucht werden kann und für die eigentliche Untersuchung doch wieder Termine vereinbart werden müssen.
Die im TSVG vorgesehene finanzielle Förderung für die Betreuung von „Neupatienten“ ist nicht sachgerecht. Bei diesen Patienten, die seit mindestens zwei Jahren nicht mehr oder noch nie in einer bestimmten Augenarztpraxis waren, handelt es sich meist um einfach zu behandelnde Fälle. Nach Überzeugung des BVA sollte jedoch gerade die aufwendige Betreuung von Menschen mit schweren Augenerkrankungen besser bezahlt werden. Das ist aber nicht vorgesehen, sondern deren Honorierung dürfte sogar schlechter werden.
Nicht akzeptabel ist weiterhin, dass künftig mehr Termine ohne direkte Abstimmung mit der Praxis vergeben werden – über Terminservicestellen oder mit Hilfe einer App. Denn schon beim ersten Gespräch mit der Augenarztpraxis werden wichtige Informationen ausgetauscht, die für den Erfolg einer Untersuchung wichtig sind. Die speziell geschulten Mitarbeiter in der Praxis können einschätzen, wie dringlich ein Fall ist und ob ein Patient noch am selben Tag kommen sollte oder ob ein Termin in ein paar Wochen ausreichend ist.
Für eine bessere augenmedizinische Versorgung gilt es, vernünftige Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Arbeit als Augenarzt attraktiver wird. Das TSVG setzt hier falsche Signale.