Pressekonferenz 2014

Prof. Dr. Thomas Kohnen

Kunstlinsen gegen den Knick in der Optik

Wenn mit dem Grauen Star auch die Hornhautverkrümmung verschwindet

Immer auf die Brille angewiesen sein, ganz gleich ob beim Lesen, beim Einkaufen oder unterwegs: Wer an einem Astigmatismus (Hornhautverkrümmung) leidet, kennt das im Zweifelsfall seit seiner Kindheit. Es ist eine der Erfolgsgeschichten in der Augenheilkunde, dass sich dieser Sehfehler im höheren Alter bei der Operation des Grauen Stars gleich mit korrigieren lässt.
Die Patienten brauchen dann nur noch eine Sehhilfe für Naharbeiten und Lesen, auf weite Entfernungen sehen sie dagegen besser als je zuvor. Möglich machen diesen Erfolg sorgfältige Voruntersuchungen und die Implantation einer torischen Intraokularlinse mit ausgefeilten Operationstechniken.

Was ist Astigmatismus?

Die Hornhaut des Auges hat annähernd die Oberfläche einer Kugel. Doch fast kein Auge entspricht dieser Kugelform - bei über 40% gleicht die Augenoberfläche zum Beispiel mehr einem Ei, dann spricht man von regulärer Hornhautverkrümmung. Die Wölbung ist nicht gleichmäßig, so dass die Brechkraft der Hornhaut beispielsweise in der horizontalen Achse stärker ist als in der vertikalen. Damit erzeugen Lichtstrahlen, die, von der Hornhaut gebrochen, auf die Netzhaut treffen, kein scharfes Bild. Ein Punkt wird verzerrt wie ein Stab abgebildet, deshalb wird Astigmatismus (von altgriechisch A = nicht und Stigma = Punkt, also Punktlosigkeit) auch als Stabsichtigkeit bezeichnet. Häufig tritt diese Fehlsichtigkeit gemeinsam mit anderen Sehfehlern auf wie der Kurzsichtigkeit (Myopie) oder der Weitsichtigkeit (Hyperopie). Ein Astigmatismus bis 0,5 Dioptrien gilt als optisch verträglich. Wenn er den Patienten dennoch stört oder die Werte darüber hinaus gehen, sollte er korrigiert werden. Neben dem regulären Astigmatismus, bei dem die beiden optischen Ebenen senkrecht zueinander stehen, gibt es auch Fälle von irregulärem Astigmatismus, bei denen dies nicht der Fall ist.

Möglichkeiten der Korrektion

Zylindrische Brillengläser (von altgriechisch kylíndein = rollen, wälzen) sind die am häufigsten eingesetzten Mittel, um einen Astigmatismus zu korrigieren. Die Linse bündelt das Licht so, dass auf der Netzhaut ein scharfes Abbild entsteht. Auch torische Kontaktlinsen (von lateinisch Torus = Wulst) können den betroffenen Patienten zu klarer Sicht verhelfen. Dabei kommen sowohl formstabile als auch weiche Kontaktlinsen zum Einsatz. Schließlich stehen verschiedene operative Methoden zur Verfügung - von der refraktiven Laserchirurgie bis hin zur refraktiven Linsenchirurgie, wenn Brille oder Kontaktlinse aus verschiedenen Gründen nicht weiterhelfen. Steht im fortgeschrittenen Alter aber ohnehin eine Kataraktoperation an, dann können die Chirurgen heute den Astigmatismus häufig gleich mit korrigieren.

Katarakt - wenn die Linse des Auges trüb wird

Die Katarakt (der Graue Star) betrifft früher oder später fast jeden Menschen. Im Laufe der Jahre trübt sich die Linse des Auges ein, so dass das Auge erblindet. Weltweit ist die Katarakt heute noch die häufigste Ursache vermeidbarer Blindheit. In Industrieländern wie Deutschland wird sie mit einer meist ambulant ausgeführten Operation geheilt: Mit Ultraschall oder dem Femtosekundenlaser wird die Linse des Auges zerkleinert und abgesaugt. Die Linsenkapsel, eine feine Membran um die Linse herum, bleibt erhalten; in sie wird dann im nächsten Schritt eine Kunstlinse implantiert. Mit bis zu 800.000 Fällen pro Jahr in Deutschland ist die Katarakt­operation der häufigste chirurgische Eingriff überhaupt. Die Implantate und die chirurgischen Techniken sind inzwischen so weit entwickelt, dass die meisten Patienten sich nach der Implantation über ein gutes bis sehr gutes Sehvermögen freuen können. Für ein optimales Ergebnis sind verschiedene Voruntersuchungen sowie die Beratung hinsichtlich der individuellen Sehanforderungen des Patienten von großer Bedeutung.

Sorgfältige Voruntersuchungen

Zunächst wird das Auge genau vermessen, dabei spielen verschiedene Parameter wie z.B. die Länge des Auges oder die Ausprägung der Hornhautverkrümmung eine Rolle, um die individuell geeignete Linse auszuwählen. Außerdem wird geprüft, in welcher Richtung die Hauptachse der Hornhautverkrümmung liegt, damit später die Intraokularlinse in der entsprechend passenden Lage in den Kapselsack implantiert werden kann.

Intraokularlinsen für verschiedene Anforderungen

Ausgehend von den Ergebnissen der Voruntersuchungen und den persönlichen Anforderungen des Patienten an sein Sehvermögen, wird aus einer Vielfalt an Intraokularlinsen die individuell passende Kunstlinse ausgewählt. Die technisch hoch entwickelten Implantate sorgen nicht nur dafür, dass das Licht wieder ungehindert die Netzhaut erreicht. Sie können vielmehr eine vor der Operation bestehende Fehlsichtigkeit korrigieren. Normale Kunstlinsen ermöglichen eine hohe Sehschärfe für Objekte in einem bestimmten Abstand. Damit können die Patienten dann beispielsweise in die Ferne gut sehen, benötigen für Naharbeiten aber eine Lesebrille. Asphärische Intraokularlinsen optimieren zudem die Kontrastempfindlichkeit. Mehrstärkenlinsen schließlich verteilen das ins Auge einfallende Licht auf zwei oder drei Brennpunkte und ermöglichen so scharfes Sehen ohne Brille in der Ferne, in der Nähe und auch im Zwischenbereich (trifokale IOL). Diese Mehrstärkenlinsen sind jedoch nicht für alle Patienten geeignet.

Torische Intraokularlinsen

Torische Intraokularlinsen zeichnen sich durch eine spezielle Form der Linsenoberfläche aus, die die Hornhautverkrümmung kompensiert. Zudem sind sie so konstruiert, dass sie, einmal implantiert, ihre Position im Auge möglichst nicht mehr verändern. Diese Stabilität ist wichtig, um den optischen Effekt, den Ausgleich des Hornhautastigmatismus, auf Dauer zu gewährleisten.

Hoch entwickelte Implantationstechnik

Während der Operation beeinflussen verschiedene Faktoren das spätere refraktive Ergebnis. Nur etwa zwei Millimeter lang sind die Hornhautschnitte, durch die hindurch die körpereigene Linse nach der Zerkleinerung entfernt und die Intraokularlinse implantiert wird. Der Astigmatismus lässt sich schon durch die gezielte Positionierung dieser Schnitte verringern. Ist der Sehfehler nur klein, kann alleine eine optimale Schnittführung für die Korrektur genügen. Ein stärkerer Astigmatismus ab etwa 0,75 Dioptrien kann dagegen mit torischen Kunstlinsen korrigiert werden. Die modernen Implantate sind aus biegsamen Materialien und werden zusammengerollt in den Kapselsack gebracht, wo sie sich dann entfalten. Spezielle Haptiken - feine Bügel am Rand der Linsenoptik - sorgen dafür, dass die torischen Kunstlinsen ihre Position im Kapselsack behalten. Sollte der seltene Fall eintreten, dass die Linse sich in den Tagen nach der Operation doch in eine andere Position dreht, besteht die Möglichkeit zur Nachrotation.


Prof. Dr. med. Thomas Kohnen
Direktor der Klinik für Augenheilkunde
Klinikum der Johann-Wolfgang Goethe-Universität
Theodor-Stern-Kai 7
60590 Frankfurt am Main
Tel. (069) 63015187
Fax (069) 63016586
info@uni-augenklinik-frankfurt.de



Abbildung 1: Schematische Darstellung des astigmatischen Auges mit Brennebenen (schwarzer und roter Pfeil) sowie unscharfem Netzhautbild (blauer Pfeil)



Abbildung 2: Implantierte troische multifokale Kunstlinse (ReSTOR Toric, Alcon), sichtbar sind die zentralen zirkulären Zonen der diffraktiven bifokalen Optik sowie die Markierung der Achse der IOL (sechs radiäre Punkte).