Pressekonferenz 2006

Kraffel

Warum Ärzte für ihre Patienten auf die Straße gehen

Sie müssen es tun, sonst würde die Bevölkerung von den Risiken und Nebenwirkungen der gesundheitspolitischen Pläne erst erfahren, wenn es zu spät ist.

Vom mündigen Patienten ist die Rede, der manipulierte ist gemeint, wenn der Öffentlichkeit die Vorteile der Reformvorhaben schmackhaft gemacht werden.
Um noch eine Weile – wenigstens noch während dieser Legislaturperiode – darüber hinwegzutäuschen, dass unser Gesundheitssystem in der bisherigen Form schon lange nicht mehr funktionieren kann, schreckt die Regierung nicht einmal davor zurück, die Ärzte zu bestechen.

Als etwas anderes als einen "Bestechungsversuch“ kann das Gesetz zur "Verbesserung der Wirtschaftlichkeit der Arzneimittelversorgung“ (AVWG) kaum bezeichnet werden. Der Arzt, der seinem Patienten statt der Therapie der Wahl, also der für ihn bestmöglichen, ein anderes Medikament verschreibt, soll zur Belohnung 20 Prozent "Provision“ für die auf diese Weise eingesparte Kassenleistung bekommen.
Und andersherum: Widersteht er der Versuchung und erfüllt seinen ethischen Auftrag, indem für ihn das Wohl seines Patienten oberstes Gebot ist, muss er zur Strafe seine Verordnungskosten in einem gewissen Umfang selber tragen. Bonus-Malus-Regelung heißt dieses unmoralische Manipulationsinstrument.

Aber auch dazu gibt es schon eine Steigerung, die zeigt, wohin sich die "Nutzung des Sparpotenzials“ entwickelt: Im Kinzigtal will eine der gesetzlichen Krankenkassen ein Musterbeispiel an Wirtschaftlichkeit medizinischer Versorgung demonstrieren. Dass für dieses Modell auch mehrere Ärzte zu gewinnen waren, lässt das Ausmaß an Gefahren erkennen: Die mit der Krankenkasse "kooperierenden“ Ärzte bekommen den vollen Betrag als Provision, den sie auf Kosten ihrer Patienten einsparen – sei es bei Medikamenten, therapeutischen Leistungen oder bei Klinikaufenthalten.

Ein weiterer Schritt auf dem Weg zum von Politik und Kommerz bestimmten Gesundheitssystem ist die kürzlich laut gewordene Forderung einer gesetzlichen Krankenkasse (KKH), die Versicherung müsse bestimmen, in welche Klinik die Versicherten eingewiesen werden – und nicht deren Arzt. Mit anderen Worten: Der Sachbearbeiter beurteilt, ob der vom Augenarzt dringend empfohlene netzhautchirurgische Eingriff wirklich erforderlich ist und in einer Spezialklinik erfolgen soll oder ob der Belegarzt in der Augenabteilung des örtlichen Krankenhauses "den Fall“ behandeln kann.

"Mehr Eigenverantwortung“ – ein Spitzenreiter unter den Schlagwörtern im Repertoire der Gesundheitspolitiker – soll der Bürger für seine Gesundheit übernehmen. Gleichzeitig wird er mit fragwürdigen Versprechungen für das Hausarztmodell angeworben, bei dem er auf die ihm laut Sozialgesetz zustehende freie Arztwahl verzichtet. Das ist die Wirklichkeit. Von der derzeitigen Gesundheitsministerin zum "schönen Schein“ verdreht, klingt das so:
Ulla Schmidt: "Patientinnen und Patienten gewinnen Sicherheit und werden zu informierten und kompetenten Partnern im Prozess einer Behandlung, wenn sie sich verpflichten, sich von ihrem Hausarzt durch das Gesundheitssystem lotsen zu lassen.“

Fazit: Das von den Politikern entdeckte Sparpotenzial wird aktiviert, indem die Leistungen für Patienten eingeschränkt werden, wofür die Ärzte einen Bonus erhalten und Apotheken einen Ausgleich. Denn dadurch, dass die Patienten einen nicht unwesentlichen Teil der bisher verordnungsfähigen Medikamente selber zahlen müssen und viele das nicht können, geht der Umsatz der Apotheken in diesem Bereich deutlich zurück. Damit sie nicht so hohe Einbußen erleiden, wurde die Apothekenpreisverordnung geändert, sodass der Preis und damit die Gewinnspanne für die noch verordnungsfähigen Medikamente in einigen Fällen in geradezu grotesker Weise angehoben wurde. Beispiel aus der Augenheilkunde: Die Flasche Augentropfen, die früher 2,15 DM gekostet hat, kostet jetzt 11,-- EURO.

Dr. med. Uwe Kraffel
1. Vorsitzender
Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V.
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