Pressekonferenz 2004

Reinhard

Wenn das Auge die Spenderhornhaut ablehnt – deutsche Wissenschaftler überlisten die körpereigene CIA

Jahr für Jahr wird in deutschen Kliniken etwa drei- bis viertausend Patienten die Hornhaut eines Spenders implantiert, um ihr durch Unfall oder Krankheit gefährdetes Sehvermögen zu retten. Diese Operation, die Keratoplastik, ist die älteste und die häufigste Organtransplantation. Sie gilt auch nach wie vor als die erfolgreichste, allerdings wurde ihre Langzeitprognose bis vor wenigen Jahren zu optimistisch bewertet.
Zwar bestehen bei der Keratoplastik grundsätzlich günstigere Voraussetzungen, von einem fremden Organismus akzeptiert zu werden, weil es sich hier nicht um ein Organ handelt, sondern um Gewebe ohne Blutgefäße. Dennoch wehrt sich das Immunsystem des Transplantat-Empfängers oftmals gegen das fremde Gewebe. Diese natürliche Abwehrreaktion können Immunsuppressiva, die nach der Operation lokal verabreicht werden, nicht immer unterdrücken. Das Abstoßungsrisiko bei der perforierenden, d.h. alle Schichten umfassenden Hornhauttransplantation lag bisher innerhalb der ersten drei Jahre nach der Operation zwischen etwa 18 und bis zu 75 Prozent - abhängig von der Ursache, die diesen Eingriff erforderlich macht.

Die Prognose einer Organtransplantation lässt sich durch HLA-Matching verbessern. Das bedeutet, man sucht für den Empfänger ein Transplantat, dessen genetische Merkmale mit denen seines eigenen HLA-Systems möglichst weitgehend übereinstimmen (his match = seinesgleichen, sein Ebenbild). HLA-Moleküle (Human Leukocyte Antigen) befinden sich auf den Oberflächen aller Zellen und signalisieren den eigenen Abwehrzellen, ob sie auf eigenes oder auf fremdes Gewebe treffen – eine Art CIA, die vor feindlichen Eindringlingen warnt.
Das HLA-System besteht aus zwei Klassen. Die HLA-Klasse I wird von allen kernhaltigen Zellen an der Zelloberfläche ausgebildet und die HLA-Klasse II u.a. von B- und T-Lymphozyten (weiße Blutkörperchen), die hauptsächlich für die Abstoßungsreaktion verantwortlich sind.

Während HLA-Matching bei der Organtransplantation die Chancen nachweisbar verbessert hat, kamen verschiedene, darunter auch internationale Studien über die Anwendung dieses Verfahrens bei der Hornhauttransplantation zu widersprüchlichen Ergebnissen. Das lag u.a. auch daran, dass die Studien unterschiedlich angelegt waren. Gemeinsam war ihnen eine entscheidende Fehleinschätzung: Alle hatten sich auf die serologische HLA-Typisierung beschränkt. In keiner der Studien wurde eine Typisierung auf molekulargenetischer Ebene vorgenommen. Auf die aber kommt es an in der HLA-Klasse II, wenn das zur Bestimmung erforderliche Blut zusammen mit dem Hornhautgewebe erst bis zu 72 Stunden nach dem Tod des Spenders entnommen wird. Als die Wissenschaftler serologisch typisierte Transplantate mithilfe der Molekulargenetik noch einmal typisierten, deckten sie eine Fehlerrate von bis zu 55 Prozent auf.

Neue Untersuchungen an den Universitätsaugenkliniken Düsseldorf und Freiburg beweisen: Serologische HLA-Typisierung für die HLA-Klasse I und molekulargenetische Typisierung für die HLA-Klasse II bringen schon deutlich bessere Prognosen, wenn das Matching nach den bisherigen Kriterien erfolgt. Wird jedoch nicht nur molekulargenetisch typisiert sondern auch auf molekulargenetischer Ebene gematcht, sind die bestmöglichen Voraussetzungen für eine langfristig erfolgreiche Hornhauttransplantation geschaffen. Manchmal erübrigt sich sogar bei Risiko-Transplantationen die medikamentöse systemische Unterdrückung der Immunabwehr.

Warten auf den Doppelgänger
oder reicht die Ähnlichkeit?


Mit einem weltweit einmaligen Projekt – entstanden in Kooperation zwischen der Düsseldorfer Universitätsaugenklinik und der Foundation Eurotransplant (Leiden in Holland) - haben deutsche Augenärzte erstmals die Möglichkeit geschaffen, individuell für jeden Patienten die Wartezeit auf das Transplantat zu berechnen, das sein „Feind-Abwehrsystem“ aller Voraussicht nach nicht bekämpfen wird. Die Häufigkeit der HLA-Merkmale in der Bevölkerung ist aus den Knochenmarkspendenregistern bekannt. Weist der Patient eine häufig vorkommende HLA-Merkmalausprägung auf, ist selbst dann die Wartezeit relativ kurz, wenn aufgrund des erhöhten Risikos die Spenderhornhaut dem Organismus des Empfängers „täuschend ähnlich“ sehen sollte. Hat der Patient dagegen eine sehr seltene Kombination der genetischen Merkmalausprägung, müsste er u.U. auf das Transplantat mit der größtmöglichen Übereinstimmung Jahre, ja sogar Jahrzehnte warten. Der Augenarzt kann nun gemeinsam mit seinem Patienten abwägen, ob er vielleicht aus beruflichen oder sozialen Gründen zugunsten einer kürzeren Wartezeit ein etwas höheres Risiko in Kauf nehmen will. Ob das durch verstärkte Einnahme von Medikamenten zur Unterdrückung der Immunreaktionen ausgeglichen werden kann, muss der Augenarzt sehr genau prüfen.

Die für die Keratoplastik entwickelte Methode ist so neu, dass sie zurzeit nur am Ort ihres Ursprungs, den Universitätsaugenkliniken Düsseldorf und Freiburg angeboten wird.