Pressekonferenz 2004

Auffarth

Staroperation - Abschied von der Brille?

Die Operation des Grauen Stars (Katarakt) ist heute der häufigste Eingriff in der Medizin weltweit. Pro Jahr werden in Deutschland zirka 600.000 getrübte Augenlinsen entfernt und durch künstliche Intraokularlinsen (IOL) ersetzt. Da der Graue Star in den allermeisten Fällen altersbedingt ist, wird aufgrund zunehmend hoher Lebenserwartung die Zahl der jährlichen Staroperationen weiter steigen.
Bei kaum einer Operation hat sich das Ergebnis so augenfällig gewandelt wie bei der Kataraktchirurgie. Über lange Zeit erkannte man den staroperierten Patienten an seiner „Starbrille“ mit den auffallend dicken Gläsern, hinter denen die Augenpartie unnatürlich groß erscheint.


Abb.1 Starbrille

Diese „Starbrille“ gibt es praktisch nicht mehr, kaum jemand kann sich noch daran erinnern, wie sie aussah. Diesem spektakulären Fortschritt folgten ebenso bedeutende aber weniger auffällige Innovationen.
Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich die moderne Kataraktchirurgie in den letzten 10 bis 15 Jahren enorm weiterentwickelt und verändert. Seitdem die getrübte Augenlinse durch ein spezielles Verfahren, die Phakoemulsifikation, mit Hilfe von Ultraschall verflüssigt und dann abgesaugt werden kann, sind die Schnitte mit 2 bis 3,5 mm wesentlich kleiner geworden. Sie brauchen auch nicht mehr erweitert zu werden, um die künstliche Augenlinse ins Auge zu implantieren, weil faltbare Intraokularlinsen zur Verfügung stehen, die erst im Auge ihre endgültige Form annehmen. Die Anwendung all dieser innovativen Möglichkeiten gilt heute bereits als Standardverfahren.
Die verbesserten operativen Techniken haben Risiken und Komplikationsraten minimiert und damit die Indikationen zur IOL-Implantation erheblich erweitert. Die IOL-Implantation ist somit nicht mehr allein der klassischen Kataraktchirurgie vorbehalten, sondern wird mehr und mehr als eine der unterschiedlichen Optionen der refraktiven Chirurgie auch zur Korrektion von Fehlsichtigkeiten angewendet.

Gestern kaum vorstellbar – heute Standard

Bis in die neunziger Jahre waren die IOL aus einem starren Plexiglasmaterial (PMMA) und mussten daher über relativ große Starschnitte von sechs bis sieben Millimetern implantiert werden. Inzwischen sind faltbare Kunstlinsen Standard. Sie erfordern nur sehr kleine Schnittgrößen um drei Millimeter. Diese Linsen bestehen aus weichen, flexiblen Akrylatmaterialien (im Prinzip weichem Plexiglas) und haben - je nach Linsentyp - einen unterschiedlich hohen Wassergehalt. Auch weiche Intraokularlinsen aus Silikon sind heute als Faltlinsen sehr verbreitet.
Das Linsendesign wurde ebenfalls kontinuierlich verbessert und für unterschiedliche Anforderungen variiert. So stehen dem Augenarzt z.B. Linsen zur Verfügung, deren Oberflächenbeschichtungen eine bessere Biokompatibilität gewährleistet. Es gibt spezielle Linsendesigns, die den so genannten Nachstar verhindern können. IOL mit eingebautem UV-Filter blocken schädliches Sonnenlicht ab und mit asphärischen IOL lässt sich eine höhere Abbildungsqualität erreichen.
Die asphärischen Implantate und die speziellen Blue-Blocker-IOL gehören zu den Innovationen der jüngsten Zeit. Als Blue-Blocker bezeichnet man gelbe Intraokularlinsen, die nicht nur die Netzhaut vor UV-Licht schützen sondern sie auch gegen den Blauanteil des natürlichen Lichtes abschirmen. Damit könnte theoretisch eine der häufigsten altersbedingten Augenkrankheiten, die Makuladegeneration, möglicherweise verhindert oder zumindest ihr Fortschreiten verlangsamt werden. Ihre Wirksamkeit muss noch in kontrollierten Studien nachgewiesen bzw. überprüft werden.
Patienten mit starker Hornhautverkrümmung können heute mit torischen IOL versorgt werden. Für sie haben diese Speziallinsen einen doppelten Nutzen: Ausgleich der Linsenlosigkeit (Aphakie) und Korrektion ihrer durch die Hornhautverkrümmung verursachten Stabsichtigkeit (Astigmatismus).

Wird mit dem Altersstar bald auch die Alterssichtigkeit besiegt?

Der Verlust der Akkommodation, d.h. der Fähigkeit der natürlichen Augenlinse, für Ferne und Nähe ein scharfes Bild einzustellen, ist einer der wenigen Nachteile der Standard-IOL. Trotz guter Korrektion für die Ferne oder Nähe bleibt die Abhängigkeit von der Brille.
Um staroperierten Patienten auch die Lesebrille zu ersparen, wurden bereits vor mehr als zehn Jahren Intraokularlinsen entwickelt, die ähnlich wie bifokale Brillengläser und Kontaktlinsen zwei Brennpunkte haben oder auch mehrere Brennpunkte nach dem Prinzip der Gleitsichtbrillen oder Multifokallinsen.


Abb. 2 Multifokallinse (Modell „Array“, Firma AMO, Deutschland)

Mit diesen fortschrittlichen Intraokularlinsen kann man ohne Brille in die Ferne sehen und gleichzeitig ohne Brille lesen. Vor allem auf diesem Gebiet sind in den letzten zwei bis drei Jahren neue Linsenkonzepte entwickelt worden mit sehr guten klinischen Ergebnissen. Allerdings haben die meisten dieser Speziallinsen zur Zeit noch einen Nachteil: Das ins Auge fallende Licht verliert seine Intensität, wenn es auf verschiedene Brennpunkte verteilt wird. Dadurch mindert sich das Kontrastsehen und die Blendungsempfindlichkeit nimmt zu.
Eine Entwicklung, die zurzeit auf höchstes Interesse in der Öffentlichkeit stößt, sind die akkommodativen Intraokularlinsen. Noch stehen nur einige wenige Modelle zur Verfügung, die vornehmlich in Deutschland oder in den USA entwickelt wurden. Nach dem Konzept dieser Linsen funktioniert die ständig wechselnde Fern- und Naheinstellung ähnlich wie bei der natürlichen Augenlinse. Über bewusst gesteuerte Nervenimpulse wird ein Ringmuskel im Auge (Ziliarmuskel), mit dem die Kunstlinse über den natürlichen Linsenaufhängeapparat verbunden ist, stimuliert und soll durch eine Veränderung der Linsenposition nach vorn die Naheinstellung bewirken.


Abb. 3 Spezielle akkommodative Linse Model 1 CU (Firma Humanoptics, Deutschland)


Abb. 4 Spezielles akkommodatives Linsenimplantatsystem „Synchrony“ IOL
(Firma Visiogen, USA)

Theoretisch müssten schon die ersten bisher entwickelten Implantate nach diesem Konzept ihre Aufgabe erfüllen können, in der Praxis gelingt das im Moment aber nur bedingt. Einzelne Patienten zeigen z.T. hervorragende Ergebnisse, bei anderen ergeben sich jedoch keine akkommodativen Fähigkeiten. Die Wissenschaftler arbeiten noch daran, herauszufinden, welche Ursachen dafür verantwortlich sind. Hinzu kommt, dass die Entwicklung und Optimierung akkommodativer Intraokularlinsen mit unterschiedlichen Konzepten auch von mehreren Herstellern intensiv forciert wird.

Prognose für die nahe Zukunft

Zurzeit sind in der Kataraktchirurgie unterschiedliche zukunftsträchtige Technologien eingeführt oder in Erprobung. Für die Kataraktchirurgie ist eine weitere Minimierung der zur Extraktion der getrübten Linse erforderlichen Einschnitte auf unter 1,5 bis 1 mm möglich (MICS= Micro-Incisional-Surgery). Um diesen Vorteil nutzen zu können, werden bereits ultradünne Speziallinsen hergestellt und angeboten.
Weitere IOL-Linsentypen sind im Stadium der Planung und Erprobung. Ihre Besonderheit: Sie können den gesamten Kapselsack der natürlichen Linse wieder ausfüllen und sehen anatomisch wie die natürliche Augenlinse aus. Erreicht wird das durch thermoplastische Materialien, die über einen kleinen Schnitt eingesetzt werden und im Auge durch die Körperwärme auf die gewünschte Größe anschwellen.
Betrachtet man die Entwicklung der Kataraktchirurgie der letzten zehn Jahre, scheint es nicht vermessen, einen vergleichbaren Innovationsschub für die nächsten zehn Jahre zu erwarten.

Privatdozent Dr.med. Gerd U. Auffarth
Sekretär der Deutschsprachigen Gesellschaft für
Intraokularlinsen Implantation und Refraktive Chirurgie
Leitender Oberarzt der Univ.-Augenklinik Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 400, 69120 Heidelberg
E-Mail: ga@uni-hd.de,
Tel: 06221-566695 (Sekr.),
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