Pressekonferenz 2003

Trojan

Deutsche Augenärzte auf dem Weg zu einem ehrgeizigen Ziel: 75 Prozent weniger Erblindungen in den Ländern der Dritten Welt

50 Millionen Menschen sind blind, annähernd 80 Prozent von ihnen leben in den Entwicklungsländern. Bei 75 Prozent wäre die Erblindung vermeidbar – sei es durch Prävention oder rechtzeitige Therapie. Weitere 135 Millionen Menschen leiden an Sehbehinderungen. Die jährlichen Kosten, die weltweit durch Blindheit entstehen, belaufen sich auf annähernd 25 Milliarden US-Dollar. Geschieht nichts Einschneidendes, muss man davon ausgehen, dass sich die Zahl der Erblindungen in den kommenden 20 Jahren verdoppeln wird.

Das größte Problem besteht in einem Mangel an Augenärzten. Während in Deutschland für jeweils 25.000 Einwohner ein Augenarzt zur Verfügung steht, gibt es in einigen Ländern Afrikas für 7 Millionen Menschen nur einen einzigen. Angestrebt wird ein Verhältnis von 1 : 250.000.

Kampagne Vision 2020
Gegen vermeidbare Erblindungsursachen kämpfen Hilfsorganisationen und Augenärzte seit vielen Jahrzehnten – wie etwa das Deutsche Komitee zur Verhütung von Blindheit (DKVB). Ein Programm mit dem ehrgeizigen Ziel, dass bis zum Jahr 2020 kein Mensch auf der Welt mehr blind sein darf, dessen Augenlicht gerettet werden könnte, wurde Ende 1995 von der Christoffel-Blindenmission (CBM) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erarbeitet. Der offizielle Start der Kampagne Vision 2020 fand am 18. Februar 1999 in Genf statt mit einem öffentlichen Appell, der sich an Regierungen, nationale und internationale Organisationen und Einzelpersonen richtete. Fünf Gruppen von Augenkrankheiten erhalten in diesem Programm Priorität:

- Grauer Star – Katarakt
- Trachom
- Onchozerkose
- Kinderblindheit (Vitamin A-Mangel)
- Low Vision (Sehbehinderungen)

Der Graue Star (Katarakt) verursacht weltweit die meisten Erblindungen. (25 Millionen = 50 Prozent). Diese Augenkrankheit kann einzig und allein durch eine Operation geheilt werden. Die Ätiologie, also die Gesamtheit aller Faktoren, die zum Grauen Star führen, ist bisher nicht geklärt.

Das Trachom ist eine der ältesten Krankheiten der Menschheit und mit 15 Prozent die zweithäufigste Erblindungsursache. Durch Chlamydien wird eine Infektion der Bindehaut hervorgerufen. Sie vernarbt, wenn sich die Erreger in den Schleimhautzellen ungehindert vermehren können, dadurch drehen sich die Lidkanten nach innen, sodass die Wimpern auf der Hornhaut scheuern. Dieser ständige mechanische Reiz führt zur Hornhauttrübung. Durch rechtzeitige medikamentöse Behandlung oder eine Operation im späteren Stadium kann das Augenlicht gerettet werden. Das Trachom muss aber gar nicht erst zur einer bedrohlichen Krankheit werden, wenn man einfache hygienische Regeln befolgt.

Eine groß angelegte Initiative innerhalb Vision 2020 läuft unter dem Namen SAFE .
S = surgery
A = antibiotics
F = facial cleanlyness
E = environmental hygienia

Die Onchozerkose, auch unter dem Namen Flussblindheit bekannt, ist eine Wurmerkrankung, die durch Kriebel-Mücken übertragen wird. Beim Blutsaugen nehmen die Mücken einige Würmer auf, die sie durch ihren Stich übertragen. Die geografische Ausbreitung dieser Parasitose wird durch den Lebensraum des Vektors limitiert. Früher musste man sich aus Mangel an wirksamen Medikamenten auf die Ausrottung der Mücken beschränken. Nun gibt es aber ein wirksames Medikament (Mectizan®) das bei einer einmaligen Applikation von einer Tablette pro Jahr eine gute Wirkung zeigt. Es verhindert die Vermehrung der Würmer (Mikrofilarien) im Körper des Infizierten. So besteht endlich die Möglichkeit, einer bisher verhängnisvollen Tropenkrankheit Herr zu werden.

Die Kinderblindheit ist in den meisten Fällen durch Vitamin A-Mangel bedingt, der mit der Zeit dazu führt, dass sich die Hornhaut eintrübt. Neben der Behandlung spielt die direkte prophylaktische Vitamin A-Gabe eine große Rolle. Hinzu kommt die Aufklärung der Bevölkerung mit dem Ziel, sie zum Verzehr vitaminreicher Nahrung zu erziehen.

Low Vision – bei diesem Schwerpunkt der Kampagne geht es darum, irreparable Erblindete oder schwer Sehgeschädigte durch geeignete Hilfsmittel in das normale Leben zu integrieren und ihnen so eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Dazu gehören in erster Linie die Anpassung von Sehhilfen und die Motivation, sie zu nutzen.

Natürlich gilt der Einsatz der deutschen Augenärzte in den Entwicklungsländern allen Krankheiten, die zur Erblindung führen können, wie z.B. auch Lepra und Diabetes.

Mehr Augenärzte für weniger Patienten
Wohl die wichtigste Voraussetzung, wenn das Ziel der Kampagne 2020 erreicht werden soll, ist die Ausbildung einheimischer Augenärzte. Seitens der Bundesregierung bestehen kaum noch Aktivitäten. Lediglich der Deutsche Akademische Austausch-Dienst (DAAD) unterhält ein Projekt in Nairobi zur Ausbildung einheimischer Augenärzte. In einer engen Kooperation mit der Universitäts-Augenklinik München wurden seit 1978 annähernd 100 Augenärzte ausgebildet. Zehn Prozent aller in Afrika (ausgenommen Südafrika) arbeitenden Augenärzte entstammen dieser Ausbildungsklinik. Derzeit befinden sich 20 afrikanische Ärztinnen und Ärzte in dem drei Jahre dauernden Ausbildungsgang.

Neben der klinisch-operativen Tätigkeit im Ambulanz- und Operationsbereich wird die Ausbildung der Assistenten mit regelmäßigen Lehrveranstaltungen zusätzlich unterstützt. Dazu gehören als fester Bestandteil die „out reach“ Programme. Während dieser „Augensafaris“ werden die meist blinden oder stark sehbehinderten Patienten voruntersucht und zur Operation stationär aufgenommen oder der Ambulanz zugeführt. Wenn der kleine Operationssaal, in dem dichtgedrängt an mehreren Tischen parallel operiert wird, nicht gerade wegen eines Kaiserschnittes belegt ist, läuft das Programm wie am Schnürchen. Trotz der für die Ausbildung sehr wesentlichen, aber zeitraubenden praktischen Trainingsaktivitäten werden bei jeder „Safari“ mehrere hundert Patienten operiert. Meist handelt es sich um Eingriffe gegen den Grauen Star, die mit modernster Technik erfolgen, und das bedeutet auch Implantation einer intraokularen Kunststoff-Linse.

Die Anerkennung durch die Weltgesundheitsbehörde als regionales Forschungs- und Ausbildungszentrum unterstreicht den Standard des Programms und die Bedeutung der Einrichtung für die Region.

Die feste Bindung zur Universitäts-Augenklinik München besteht nach wie vor. So kam wenige Tage nach dem Terroranschlag auf die amerikanische Botschaft im Jahre 1998 ein Operationsteam aus München nach Nairobi und versorgte acht
Tage lang rund um die Uhr die große Zahl der Patienten mit perforierenden Augenverletzungen.

Erfolge, die Mut machen
Nepal: Die Christoffel-Blindenmission (CBM) unterhält oder unterstützt eine Vielzahl von Augenprojekten. Wie andere Non Governmental Organisations (NOGs) schickt die CBM auch operativ versierte Augenärzte mit Mehrjahresverträgen in Krankenhäuser der Entwicklungsländer.
1983 begann der deutsche Augenarzt Dr. Albrecht Hennig in einem von der CBM geförderten Projekt in Lahan / Nepal in einer Zwölfbettenstation im General Hospital. Der Andrang der Patienten wuchs so schnell, dass die bescheidenden Räumlichkeiten den Anforderungen bald nicht mehr gerecht wurden. So baute CBM 1985 ein neues Krankenhaus. 1999 wurde das Hospital mit Unterstützung des RTL- Spendenmarathons nochmals erweitert und hat jetzt eine Kapazität von 410 Betten. Zurzeit besteht das Team um Dr. Hennig aus 108 Mitarbeitern, unter ihnen sechs Augenärzte und zwölf Ophthalmic Assistants. Allein im Jahr 2001 wurden in der Klinik, neben anderen operativen Eingriffen, 38.344 Katarakte operiert. Die Patienten verweilen einen Tag in der Klinik. Wer mittellos ist, wird kostenlos behandelt.

Auch Kurzeinsätze können viel bewirken
Sie dauern in aller Regel drei bis vier Wochen – so lange wie der Urlaub, den der Augenarzt sich „leistet“. So übernahm z.B. Professor Guido Kluxen, Belegarzt in Wermelskirchen, eine solche „Ferien-Aufgabe“ im Auftrag des Deutschen Komitees zur Verhütung von Blindheit. Er reiste nach Bossangoa in die Zentralafrikanische Republik, weil dort in der Augenabteilung des Krankenhauses Notstand herrschte. Seit mehreren Monaten wurde sie von einem einheimischen Ophthalmic Assistant geführt. Der einzige Augenarzt der Republik arbeitete in der Hauptstadt Bangui. Professor Kluxen übernahm für vier Wochen die augenärztliche Versorgung und sorgte gleichzeitig für die Weiterbildung des einheimischen Ophthalmic Assistant.

Das Komitee Cap Anamur gab den Anstoß für einen vierwöchigen Einsatz des Marburger Augenarzt Dr. Hannsjürgen Trojan im Landesinneren von Afghanistan. Ihm ging es vor allem darum, den Status quo der ophthalmologischen Situation in einem entlegenen Gebiet dieses Landes herauszufinden, zumal er wusste, dass dort eine sonst nicht so verbreitete Augenkrankheit besonders häufig auftritt und das Sehvermögen bedroht. Diese Augenkrankheit wird Pterygium genannt oder auch Flügelfell und ist eine degenerative Veränderung der Hornhaut. Sie kann durch starke mechanische Reize entstehen; die ständigen Sandstürme in dieser Gegend erklären, warum so viele Menschen davon betroffen sind. In den vier Wochen untersuchte Dr. Trojan in der von Cap Anamur unterhaltenen Klinik und zwei weiteren Ambulanzen über 500 Patienten. Allein 84 von ihnen litten unter einem ausgeprägten Pterygium, das bei einigen über das optische Zentrum der Hornhaut hinaus gewachsen war. Diese Patienten konnten nichts mehr sehen. Operiert wurden jedoch alle. Die zweitgrößte Patientengruppe war durch Hornhauttrübung erblindet – meist eine Folge von Masern oder durch Verletzungen verursacht.

Bei vielen der in Afrika, Asien und Lateinamerika engagierten deutschen Augenärzte handelt es sich um private Initiativen. Operativ versierte Augenärzte nutzen ihren Urlaub, um vier Wochen lang in ophthalmologisch unterversorgten Gebieten zu arbeiten. Durch Sammelaktionen oder mit Hilfe von Spendengeldern suchen sie sich selbst einen Einsatzort. Das erfordert viel Planungsarbeit und Privatinitiative. Oft reisen sie in Gebiete, in denen die Bewohner noch nie von der Existenz eines Augenarztes gehört hatten. Hinzu kommen vielfach Schwierigkeiten mit den Behörden. So müssen die Augenärzte bei ihrem „Ferien-Einsatz“ immer wieder mit schweren Rückschlägen rechnen, etwa durch Staatsstreiche oder das Unverständnis der einheimischen „traditional healer“, die oftmals Misstrauen gegen den fremden Arzt säen oder gar seine Heilerfolge durch ihre Methoden zunichte machen.

Deutsches Komitee zur Verhütung von Blindheit
Das Deutsche Komitee zur Verhütung von Blindheit (DKVH) wurde 1980 von neun Augenärzten gegründet, die auf ihren Auslandsreisen die katastrophale Lage in ophthalmologisch unterversorgten Länder kennengelernt hatten und angesichts dieses Notstandes beschlossen zu helfen. Inzwischen hat das DKVH 468 Mitglieder und erfüllt eine ganze Reihe anspruchsvoller Aufgaben wie Förderung der epidemiologischen Forschung, Information über Blindheitsverhütung und Koordination von Hilfsmaßnahmen. Ziele sind die Blindheitsverhütung weltweit, die nationale Vernetzung mit Blindenverbänden mit Nichtregierungsorganisationen (NGO) wie Christoffel Blindenmission (CBM) und Deutsches Blindenhilfswerk (DBHW), Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) und Berufsverband der Augenärzte (BVA) sowie die internationale Vernetzung mit der World Health Organisation (WHO) und der International Agency for the Prevention of Blindness (IAPB).

Internationale Tropenophthalmologie
Unter diesem Namen kooperieren der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA), die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) und das Deutsche Komitee zur Verhütung von Blindheit (DKVB). Sie sind bemüht, die zuständigen Stellen zu motivieren, aktiv an den Programmen mitzuarbeiten.
So hat sich ein gemeinsames Gremium gebildet, das immer mit Rat und Tat Hilfestellung leisten kann. An dieses Gremium kann sich jeder Augenarzt wenden, wenn er mit dem Gedanken spielt, in seinem Urlaub in einem Entwicklungsland zu arbeiten.
Kontaktadresse:
Dr. Raimund Balmes, Huntumerskamp 26 in 59227 Ahlen/Westfalen
Tel.: 02382-3781 Fax: 02382-3701

Dr. Hannsjürgen Trojan
An der Schülerhecke 24
35037 Marburg
Tel.: 06421-34990, Fax: 06421-360603
e-mail: h.trojan@gmx.de