Pressekonferenz 2002

Gutzeit

Sozioökonomische Aspekte

Brisanz der doppelten Bilder -
sozio-ökonomische Aspekte


Wenn ein Patient plötzlich Doppelbilder wahrnimmt, löst das bei den behandelnden Ärzten, besonders aber bei Augenärzten, die höchste Alarmstufe aus. Eine möglichst umgehende Diagnosestellung tut not, weil in vielen Fällen nur schnelles Klären der Ursache die Chance bietet, optimal zu helfen oder wenigstens Schlimmeres zu verhüten.

Immer häufiger reden Gesundheitspolitiker dem Primärarztsystem das Wort, weil sie darin ökonomische Reserven vermuten. Dieses Modell sieht vor, dass jeder Patient – unabhängig von der Art seiner Beschwerden – grundsätzlich zuerst den Hausarzt konsultiert.
Ist das medizinisch und ökonomisch wirklich sinnvoll?
Am Beispiel "Doppelbildwahrnehmung" soll diese Frage erörtert werden.

Der mit dem Symptom "Doppelbildwahrnehmung" konfrontierte Allgemeinarzt wird die Ursache nicht gleich eingrenzen können. Er erhebt die Anamnese, macht einen Ganzkörperstatus, nimmt Blut ab und deckt vielleicht als Notmaßnahme ein Auge ab. Anhand der Laborwerte und der bei der Untersuchung gefundenen Symptomen kann er eine erste Verdachtsdiagnose stellen, die er dann fachärztlich abklären lassen muss. Er überweist also seinen Patienten an den Augenarzt.

Kommt der Patient mit Doppelbildwahrnehmung hingegen direkt zum Augenarzt,
ist die Ursache meist schon innerhalb von 30 Minuten sehr genau eingegrenzt, denn hier erfolgen von Anfang an gezielte Maßnahmen: Anamnese, Bewegungsanalyse der Augen, Untersuchung der Pupillenreaktionen, des Gesichtsfeldes und des Augenhintergrundes. Oft kann der Augenarzt schon auf Grund der Symptome die Läsion lokalisieren und dann sofort entscheiden, ob weitere Diagnostik etwa durch bildgebende Verfahren oder eine neurologische Untersuchung mit Liquorserologie notwendig ist. Und er kann beurteilen, ob Eile geboten ist.
Zu den Krankheiten, die Doppelbilder auslösen können, gehören u.a. Schilddrüsenüberfunktion (Basedow), Diabetes, Multiple Sklerose, Borreliose, Hirntumoren, Gefäßleiden und dekompensierte Schielstellungen. Erfolgt die Erstuntersuchung durch den Augenarzt, kann der Allgemeinarzt auf Grund des augenärztlichen Befundes die zur endgültigen Klärung erforderlichen Laboruntersuchungen gezielt vornehmen – bzw. überflüssige Blutuntersuchungen einsparen. Dem Patienten wird schneller geholfen; es fallen weniger Kosten an.

Beispiele von drei Krankheiten, die Doppeltsehen auslösen, geben in etwa Aufschluss über den Aufwand, den die Diagnose erfordert - zum einen bei Anwendung des "Hausarztmodells", zum anderen bei direkter Konsultation des Facharztes:

(*Kosten geschätzt, da ärztliche Leistungen mit Punkten vergütet werden, deren Wert starken Schwankungen unterliegt.)


Doppelbilder bei Schilddrüsenerkrankung 
primär Allgemeinarzt primär Augenarzt
AnamneseAnamnese
GanzkörperuntersuchungUnters. Auge und Anhangsgebilde ->Basedow, Graefe, Dalrümpel,
BlutdruckmessungSchieldiagnostik ->mechanisches Defizit
Blutentnahme ->LaboruntersuchungenAugenbewegungsanalyse ->Z. n. Myositis
Warten, Ergebnisanalyse ->keine Akuterkrk.Pupillendiagnostik ->nicht auffällig
VAR. 1. Ueberweisung zum AugenarztAugenhintergrund ->kein Tumorverdacht
  ->siehe rechte SpalteGesichtsfeld->kein Tumorverdacht
VAR. 2. Ueberweisung zum Neurologen->Ueberweisung zur gezielten Schilddrüsendiagnostik (?akut oder abgeklungen)
->ambul. Kernspintomografie->Entscheid über Therapie
->stationäre Diagnostik (Liquordiagn.)(Strahlen, Kortison, Muskeloperation)
Kosten ambulant 500* /stationär 2000 EUR*Kosten ambulant 150 EUR*
Doppelbilder bei Hirntumor/Gefäßerkrankung 
primär Allgemeinarzt primär Augenarzt
AnamneseAnamnese: plötzlich starke Kopfschmerzen
GanzkörperstatusUnters. Auge und Anhang ->unauffällig
BlutdruckmessungSehschärfe->unauffällig
BlutentnahmeSchieldiagnostik->Augenmuskellähmung
Abwarten, ErgebnisanalyseBewegungsanalyse ->Oculomotoriusparese
->keine AkutkrankheitPupillendiagnostik ->einseitig weite Pupille
VAR 1 ->Ueberweisung zum AugenarztGesichtsfeld ->kein Ausfall
 
siehe rechte Spalte
Augenhintergrund ->unauffällig
VAR 2 ->Ueberweisung zum Neurologen 
->Diagnose: V.a. Aussackung der Hirnarterie A. comm. posterior
  ambulant. Kernspintomographie  ->Kernspin-U innerhalb von Stunden / eventuell Notoperation der Aussackung
  ->Diagnose: Raumforderung im l Mittellappen  siehe linke Spalte)
Kosten: ambul.: 550 EUR*,stat. 10.000 EUR*Kosten amb. 500 EUR*, stat. 10.000 EUR*
Doppelbilder aufgrund von Winkelvergrößerung
bei altem Kleinwinkel-Schielen
primär Allgemeinarzt
primär Augenarzt
AnamneseAnamnese
GanzkörperstatusUnters. Auge und Anhang ->unauffällig.
BlutdruckmessungSehschärfe->evtl. einseitig vermindert
BlutentnahmeSchieldiagnostik->keine Lähmung, Doppel-bilder mit Prismen unterdrückbar
Abwarten, ErgebnisanalyseBewegungsanalyse>Begleitschielen
->keine AkutkrankheitPupillendiagnostik ->unauffällig
VAR 1 ->Ueberweisung zum AugenarztGesichtsfeld->unauffällig
 
siehe rechte Spalte
Augenhintergrund->unauffällig
VAR 2 ->Ueberweisung zum Neurologen 
->Diagnose: Aus dem Gleis
 
ambulant evtl. Kernspintomographie
 
gelaufenes Kleinwinkelschielen
 
evtl. stationäre Diagnostik (Liquor)
keine weitere Diagnostik, Prismenbrille
Kosten: ambul.: 150-500 EUR*,stat. 3000 EUR*Kosten: 50 EUR* + Brillle 250 EUR*


Fazit:  
Der von Politikern als "Hausarztmodell" empfohlene Weg über einen Primärarzt verzögert – wie am Beispiel "Doppelbildbeschwerden" dargestellt - in den meisten Fällen die Diagnosestellung. Umgekehrt tritt kein Zeitverlust bei Erstuntersuchung durch den Augenarzt ein, weil er - genau wie der Allgemeinarzt - Patienten, die dringend stationär behandelt werden müssen, schnellstens einweisen kann.
Eine augenärztliche Untersuchung grenzt Doppelbildursachen wesentlich genauer ein.
Das bedeutet: schnelle und effektive Hilfe für den Patienten und Vermeidung überflüssiger Untersuchungen mit z.T. hohem apparativem Aufwand.

Dr. med. Arndt Gutzeit
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