Pressekonferenz 2002

Rüssmann

Zwei Augen – ein Bild?

Alarmzeichen Doppelbilder


Die Bilder unserer Augen decken sich nicht. Das merkt man schnell, wenn man sich die Augen abwechselnd zuhält: Das rechte Auge sieht die Dinge mehr von rechts, das linke mehr von links. Die nebenstehende Abbildung macht das deutlich.

Die Abbildung zeigt ein Augenpaar, das einen großen Bauklotz betrachtet. Wie auf dem Film in einer Kamera entstehen auf der Netzhaut im Augenhintergrund kleine umgekehrte Bilder, die sich von einander unterscheiden. Die weitere Verarbeitung dieser Bildunterschiede in unserem Gehirn vermittelt uns einen räumlichen Eindruck, wobei wir trotz der Unterschiede nicht doppelt sehen. So können wir uns überall sicher bewegen sei es als Fußgänger oder als motorisierter Verkehrsteilnehmer.



nach von Noorden, Campos 2001

Damit dieses Sehen bei allen Bewegungen stabil bleibt, müssen die zwölf Augenmuskeln unsere Augen exakt ausrichten und dabei an beiden Augen koordiniert zusammenarbeiten. Auch dies ist eine Leistung unseres Gehirns, das den Augenmuskeln über drei Hirnnerven entspre-chende Bewegungs-befehle erteilt. Alles verläuft normalerweise so schnell und fehlerfrei, dass uns die Vielfalt der Steuerungsvorgänge nicht bewusst wird. Wir merken erst etwas, wenn Fehler auftreten, wenn sich unsere Augen nicht mehr im gewohnten Zusammenspiel bewegen, weil Augenmuskeln, Augenmuskelnerven oder Gehirn erkrankt sind.



nach Reim 1995

Die sechs Augenmuskeln jedes Auges - der Innenwender ist hier verdeckt – bewegen die Augen nach den Erfordernissen.

Die dreidimensionalen Bewegungen der Augen bewirken die jeweils sechs Muskeln, die von hinten aus der Spitze der Augenhöhle parallel zu den knöchernen Augenhöhlenwänden zum Augapfel ziehen. Gesteuert wird die Aktivität der Muskeln von den motorischen Blickzentren im Hirnstamm, und zwar von drei unterschiedlichen: dem horizontalen, dem vertikalen und dem Zentrum für die Verrollungsbewegungen. Für die koordinierten gleichsinnigen Bewegungen senden diese Zentren Impulse an beide Augen. Die Verbindung zwischen Gehirn und Augenmuskeln bilden drei Hirnnerven.

Sie haben ihren Ursprung in den Hirnnervenkernen des Hirnstammes. Dort werden die Im-pulse aus den Blickzentren auf die Hirnnerven umgeschaltet. Zu jedem Muskel gehört ein Hirnnervenkern. Schädigungen in diesem Hirnareal können sich bei kleinen betroffenen Arealen auf nur einen Augenmuskel isoliert beschränken und bei größeren Schäden zu ganz komplexen neurologischen Ausfällen führen, wenn auch Nachbarstrukturen in Mitleidenschaft gezogen sind. Typisch ist zum Beispiel eine Gesichtslähmung mit Ausfall des 6. Hirnnervs, da der Gesichtsnerv, um dessen Kern zieht. Der 3. Hirnnerv versorgt vier Augenmuskeln und die beiden anderen jeweils nur einen.

Bei den meisten Menschen ist die Ruhelage der Augen nicht mit dem Blick geradeaus identisch. Verdeckt man ein Auge, dann weicht es in horizontaler oder vertikaler Richtung ab (Heterophorie). Gibt man es wieder frei, dann entsteht ein Doppelbild, das im Gehirn sofort ein Kommando an die Augenmuskeln auslöst (Fusion). Dieser Kontrollmechanismus kann versagen und es resultiert ein bleibendes Doppelbild, z.B. unter Alkoholeinfluss.

Davon zu unterscheiden sind Schielfehler an der Grenze zum normalen Sehen (Mikroschielen), die ebenfalls dekompensieren können.

Die folgenden Bilder zeigen eine Augenbewegungsstörung. Der rechte Außenwendemuskel ist gelähmt. Das Ergebnis ist ein Lähmungsschielen mit Doppelbildern.



Beim Blick nach rechts bleibt das rechte Auge geradeaus stehen. Das Innenschielen ist maximal.
Beim Blick geradeaus ist das Innenschielen des rechten Auges geringer als beim Blick nach rechts. Der Blick nach links ist frei von Schielen.

Durch die Lähmung des rechten Außenwendemuskels kommt es zu Doppelbildern beim Blick geradeaus und – mit deutlich größerem Abstand – insbesondere beim Blick nach rechts. Wenn wir aus der Richtung der betroffenen Person schauen, können wir uns deren Wahrnehmung annähernd so vorstellen:



Der Blick nach links ist frei von Doppelbildern; hier besteht kein Schielen

Beim Blick geradaus kommt es wegen des Innenschielens zu Doppelbildern
Im Rechtsblick nehmen Doppelbildabstand und Innenschielen zu.

Mit dem Lähmungsschielen verschwindet in diesem Fall also nicht nur das räumliche Sehen beim Blick geradeaus und nach links; es entstehen auch Doppelbilder. Das Bild des gelähmten Auges (Trugbild) ist dabei etwas weniger klar als das des nicht gelähmten Auges (wahres Bild). Obwohl die Betroffenen die Bilder dadurch unterscheiden können, kann es zunächst zu erheblichen Problemen wie Orientierungsverlust, Schwindel und Übelkeit kommen. In dem Fall helfen sich die meisten, indem sie ein Auge – in aller Regel das gelähmte – zukneifen oder zuhalten. Das beseitigt einen Teil ihrer Beschwerden. Die plötzlich eingetretene Einäugigkeit dauert allerdings an. Die Betroffenen dürfen ein viertel Jahr lang kein Kraftfahrzeug führen. Sie sind in vielen Berufen arbeitsunfähig.
Plötzlich auftretende oder auch langsam zunehmende Doppelbilder bedeuten grundsätzlich eine dringlich klärungsbedürftige Störung. Lähmungsschielen wird immer durch ernst zu nehmende Erkrankungen der Augenmuskeln, der Augenhöhle oder des Nervensystems verursacht, die einer raschen Intervention bedürfen. Die genaue Klärung, welche Schielform vorliegt, ist eine primär-augenärztliche Aufgabe.

Die farbigen Abbildungen können beim Autor angefordert oder von der AAD-Website runtergeladen werden.

Professor Dr. med. Walter Rüssmann
Schielbehandlung und Neuroophthalmologie
Zentrum für Augenheilkunde der Universität zu Köln
Joseph-Stelzmann-Straße 9
50924 Köln
Fax: 0221-4783533
E-Mail: Walter.Ruessmann@medizin-uni-koeln.de